Im Zeitalter der Renaissance erlebten die europäischen Länder einen enormen Aufschwung der Wissenschaften und der Künste. Vor allem an den italienischen Höfen bildete sich ein von der Kirche losgelöstes Mäzenatentum heraus, dem wir bedeutende Kunstwerke nach antiken Vorbildern zu verdanken haben. Man denke nur an Federico da Montefeltro in Urbino, Lorenzo de'Medici in Florenz, Isabella d'Este in Mantua, die Herzöge in Ferrara und ihre weltberühmten, mit antiken und zeitgenössischen Kostbarkeiten angefüllten Studioli und Sammlungen. Gemäß der Auffassung eines universellen Makrokosmos, der sich in vielen Mikrokosmen widerspiegele, wurden die alten höfischen Schatzkammern und Reliquiensammlungen in Kunst- und Wunderkammern umgewandelt und ihre Schätze nach wissenschaftlichen Kriterien geordnet. Cypriano Piccolpasso, der große Majolika-Kenner des 16. Jahrhunderts, betrachtete diese keramische Gattung ebenfalls als einen Microcosmos, der das Schönste auf der Welt sei, obwohl er mit so wenig Grundbestandteilen wie Erde, Wasser, Metalloxiden und Feuer auskomme.
Bald strahlten die italienischen Kunstsammlungen auch auf transalpine Fürstenhöfe aus. In München mündeten die wissenschaftlichen Bestrebungen in einen beispielgebenden, 1565 von Samuel Quiccheberg verfassten Traktat, die »Inscriptiones vel Tituli Theatri Amplissimi«, die den Beginn einer wissenschaftlichen Museumslehre im deutschsprachigen Raum einleiteten. Auch die etwa zur selben Zeit von Kurfürst August von Sachsen eingerichtete bzw. neu geordnete Kunstkammer in Dresden, die nicht zuletzt italienische Majoliken umfasste, fußte zum großen Teil auf dieser neuen Theorie eines »macrocosmos in microcosmo«. Später gelangten die Dresdener Majoliken in das berühmte Grüne Gewölbe Augusts des Starken, der noch mehr Stücke erwarb. Nachdem im 19. Jahrhundert und nach der Gründung des Kunstgewerbemuseums weitere Majoliken hinzugekommen waren, gerieten sie jedoch nahezu in Vergessenheit.
Umso erfreulicher ist es, dass die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden ausgerechnet im Jahr des großen Dresdener Stadtjubiläums ihre Majolika-Sammlung der Öffentlichkeit in einer Ausstellung und in einem Bestandskatalog erstmals vollständig präsentieren können. Ebenso sind wir erfreut, dass drei Leipziger Majoliken, die kriegsbedingt nach Moskau und später versehentlich in den Besitz des Dresdener Kunstgewerbemuseums gelangt waren, kürzlich identifiziert werden konnten und nach der Dresdener Ausstellung wieder ins Leipziger Museum für Kunsthandwerk (Grassi-Museum) zurückkehren werden. Ich wünsche allen Besuchern viel Freude und Interesse an der Ausstellung.
PROF. DR. MARTIN ROTH
GENERALDIREKTOR DER
STAATLICHEN KUNSTSAMMLUNGEN DRESDEN
Um 1500 wurden in Italien Töpfer zu einer neuen, feinen Art der Keramik, der Majolika, inspiriert. Insbesondere Teller und Schalen wurden mit Darstellungen der Mythologie, der antiken Geschichte oder der Bibel bemalt. Aber auch erotische Motive und Alltagsszenen wurden in bunten Farben wiedergegeben.
Die Majolika legt in berauschender, vitaler und kunstvoller Weise Zeugnis ab von der lebensvollen Welt der Renaissance. Bereits im 19. Jahrhundert waren Majoliken in den internationalen Museen begehrte Objekte und ihre Preise waren im Vergleich zu anderen kunsthandwerklichen Arbeiten entsprechend hoch.
Das Kunstgewerbemuseum Dresden schätzt sich glücklich, eine bedeutende, beinahe vierhundert Stücke umfassende Sammlung dieser keramischen Kostbarkeiten zu besitzen, die durch Ankäufe, private Schenkungen oder aus herausragenden ehemaligen kurfürstlichen Sammlungen in unser Museum gelangten. Doch bedingt durch die Wirren des Krieges sind viele Majoliken verlorengegangen.
Bisher hat das Kunstgewerbemuseum seine Majoliken nur im Rahmen verschiedener kleiner thematischer Kabinettausstellungen gezeigt. Nun wird zum ersten Mal eine Gesamtausstellung der bedeutenden, vier Jahrhunderte umspannenden Majolikasammlung gezeigt, die durch verschiedene Leihgaben anderer Museen ergänzt wird. Anlass der Ausstellung ist die Herausgabe eines Bestandskataloges der italienischen Majoliken. Rainer G. Richter hat als Oberkonservator des Kunstgewerbemuseums in jahrelanger, akribischer Arbeit die Majolika-Sammlung erforscht und bearbeitet. Es gelang ihm, neue Erkenntnisse zu gewinnen, die zahlreiche Stücke in ein neues Licht rücken und neue Einblicke in den historischen Kontext der Sammlung gewähren. Die Ergebnisse seiner Arbeit werden von wissenschaftlichen Aufsätzen namhafter Autoren bereichert, in denen nicht nur verschiedene Aspekte der Majolika-Sammlung beleuchtet werden, sondern auch ihre Bedeutung für den kurfürstlichen Dresdener Ho£
Der wundervoll gestaltete Katalog ist der hervorragenden Arbeit des Gestalters Norbert du Vinage zu verdanken. Für den professionellen Druck und die verlegerische Betreuung danken wir Herrn Jürgen Kleidt vom Hirmer-Verlag in München.
Besonderer Dank gebührt der Ausstellungsgestalterin Frau Bettina Albert für die erfolgreiche Zusammenarbeit und die stilsichere Umsetzung der Anregungen unseres Ausstellungsteams. Ebenso dankbar sind wir den zahlreichen Leihgebern, durch deren großzügige Unterstützung die Ausstellung wesentlich bereichert wird. Die Mitarbeiter des Kunstgewerbemuseums - hervorzuheben sind Chefrestaurator Gottfried Wachs und Dipl. phil. Kerstin Stöver - und die beteiligten Mitarbeiter der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden haben einmal mehr in sehr harmonischer und fruchtbarer Weise zusammengearbeitet.
Für die Unterstützung dieses facettenreichen Projektes sind wir einmal mehr dem Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Prof. Dr. Martin Roth, zu Dank verpflichtet. Der größte Dank schließlich gebührt Rainer G. Richter, der den Katalog bearbeitet und diese Ausstellung konzipiert hat.
ANDRÉ W.A. VAN DER GOES
DIREKTOR DES
KUNSTGEWERBEMUSEUMS DRESDEN